Komorebi
Wie das Licht, das durch die Blätter fällt....
Du hälst inne und spürst das Licht, den Schatten, die Klarheit, die Ruhe.

Wir verbinden
Karate und Komorebi im Training durch
  • bewusste Atmung
  • aufmerksame Partnerarbeit
  • Respekt vor dem Raum, dem Gegenüber und uns selbst.

Karate ist ein Weg (Dō). Viele Menschen trainieren, um im Alltag klarer, ruhiger und stabiler zu werden. Komorebi bedeutet für uns nichts anderes.
  • Wir suchen das Licht im Chaos.
  • Wir kultivieren Klarheit in uns selbst.
  • Wir lassen uns nicht von äußeren Stürmen aus der Balance bringen.

Achtsamkeit ist für uns keine Nebensache, sondern ein zentrales Element des Karate-Dō, das Wahrnehmen des Augenblicks, sich im Moment der Stille für die Technik entscheiden und diese bewusst ausführen. Und dann wieder entspannen. Spannung, Entspannung - Licht, Schatten, Ruhe, Komorebi.

Kime, Zanshin und Komorebi
Je weiter Du auf dem Weg des Karate kommst, desto mehr erkennst Du, dass Kime und Zanshin die wichtigsten Aspekte des Karate sind. Deshalb legen wir im Training besonderen Wert darauf.

Im
Zanshin bist Du ganz ruhig und entspannt und nimmst alles wertfrei an. Dein Geist und die Umgebung sind eins. Komorebi. Bricht ein Sonnenstrahl durch? Du weichst aus und setzt eine Abwehr - mit Kime - und bist sofort wieder entspannt, in deinem Komorebi-Moment.

Kime ist der Moment, in dem alles zusammenkommt: Fokus, Spannung, Energie, der Moment der Abwehr oder der Moment des Treffens und des Einschlags.
Kime ist wie der Augenblick, in dem ein Sonnenstrahl durch das Blätterdach bricht – plötzlich, klar, absolut. Im Training bedeutet das, der Geist ist wie ein messerscharfer Sonnenstrahl, und das überträgt sich auf deine Technik.

Dojo und Komorebi
Ein Dojo ist mehr als ein Trainingsort. Es ist ein Raum, in dem Menschen wachsen, scheitern, lernen und sich gegenseitig unterstützen. Wir sind die Äste und Blätter des Shotokan-Stammbaumes und tragen einander - jede und jeder auf eigene Weise, aber gemeinsam in demselben Licht.

Und so, wie sich Licht und Schatten immer wandeln, so trainieren wir auch einige Katas anderer Stilrichtungen, aber hauptsächlich
Shotokan Karate.
Kann ich durch Karate ein besserer Mensch werden?

Mein alter
Shotokan Karate Meister sagte mir mehrfach, ich sollte die Meisterschaft anstreben und dadurch ein besserer Mensch werden.

Ich habe das jahrelang nicht verstanden. Wie sollte das gehen? Was sollten körperliche Fähigkeiten damit zu tun haben, dass ich ein guter oder ein schlechter Mensch bin? Zugegeben, durch Karate wirst du stärker, ruhiger und gelassener, aber gleich ein besserer Mensch? Das klang komisch.

Inzwischen bin ich Schwarzgurt und habe es immer noch nicht richtig verstanden. Es muss irgendwas mit dem Do – dem Weg – zu tun haben. Nicht Karate macht dich zu einem besseren Menschen, sondern das Do in Karate-Do, also der Weg.

Do kommt in ganz vielen japanischen Kampfsportarten vor und auch im Koreanischen, also Taekwon-Do. Im Japanischen z. B.: Kendo, Aikido, Judo, Karate-Do. Die Kampfsportarten lehren Techniken. Beim Do geht es aber um den Geist, die geistige Haltung.

„Au weia!“, dachte ich, ich wollte mich doch nur ein bisschen körperlich betätigen und dabei ein bisschen Selbstverteidigung lernen. Klang doch praktisch.

Wie soll ich die beiden Themen Kampfsport und Do übereinander bekommen?

Das Do macht aus dem Kampfsport eine -kunst! „Hmmmmh?“ Um das aufzulösen, müssen wir verstehen, was das Training im Dojo, also dem Weg-Haus, dem Trainingsort, ausmacht.

Sehen wir uns ein typisches Karate-Training an:
Kihon – Grundschule
Kata – Formenlauf oder virtueller Kampf
Kumite – Partnerübungen

Kihon – Grundschule

Alle stehen nebeneinander oder ein bisschen versetzt und meistens nach Gürtelfarben sortiert. Der Trainer oder Meister sagt Übungen an. Jeder übt die angesagte Technik. Der Meister zählt: 1, 2, 3, 4, 5 … itsch, ni, san, shi, go … Niemand tanzt aus der Reihe. Mutet ein bisschen militärisch an? Ja, es hat mit Disziplin zu tun. Disziplin ermöglicht die Konzentration auf deine eigene Übung.
Jeder führt genau die Übung aus, die der Meister angesagt hat.

Niemand fängt ein Gespräch mit dem Nachbarn an. Du hast genug Platz für deine Übungen. Du bist total sicher und voll konzentriert.

Kata – Formenlauf

Du hast genug Platz und kämpfst einen fest definierten Kampf, eine definierte Reihenfolge von Techniken, aber nicht gegen reale Gegner – nur mit dir selbst. Sieht vielleicht aus wie Ballett oder Tanz. Und wieder bist du hier total sicher. Keine Gefahr. Nur du und die Form.

Kumite – Partnerübungen

Jetzt wird es ernst. Du stehst einem anderen Karateka gegenüber in Kampfstellung. Hilfe! Mein Herz rast, ich schwitze. Ich habe Angst oder bin wenigstens total nervös. Der oder die andere ist vielleicht viel erfahrener, viel höher graduiert – will mich auf jeden Fall treffen.
Nein. Er oder sie will dich eben nicht treffen, jedenfalls nicht so, dass du verletzt wirst. Niemand will den Übungspartner verletzen oder selbst verletzt werden. Der Angreifer muss den Angriff so kontrollieren, dass du nicht verletzt wirst. Er legt das Ziel seines Angriffs ganz wenige Zentimeter vor das eigentliche Ziel, stoppt also z. B. vor dem Kinn oder vor dem Solarplexus und zieht nicht durch. Und geht nach dem Angriff wieder auf Distanz.

Ich gehe hier nicht auf Wettkampf-Kumite oder Freikampf ein. Im Karate-Do geht es nicht um Wettkampf. Es geht um das Beherrschen einer Situation und einer Technik. Später und mit höherer Graduierung wird das Kumite natürlich immer freier. Aber am Anfang geht es in den einfachen Partnerübungen um stark reglementierte Formen. Du weißt genau, was kommt, du weißt genau, was passiert. Der Partner und du stehen auf Distanz.

Ihr verbeugt euch voreinander. Ihr einigt euch darauf, wer angreift, und nehmt Kampfhaltung ein. Ihr nähert euch im Angriff, in der Verteidigung und im Konter an und nehmt dann wieder respektvollen Abstand ein. Zum Ende der Übung: Verbeugung. Jetzt bist du auf jeden Fall wieder im sicheren Raum.

Irgendwann sagt der Meister, der Partner wäre zu tauschen. Und dann nimmst du nicht irgendwen, sondern den nächsten in der Reihe. So musst du mit jedem unterschiedlichen Partner üben.

Alle – alle Partner – sind gleich und werden gleich respektiert. Hier zeigt sich
Funakoshis erster Grundsatz: „Karate beginnt mit Respekt“.

Wir sind immer noch beim Kumite. Wieder Verbeugung vor dem Partner. Es gibt keinen Grund, nervös zu sein. Trotzdem gehen dir 1000 Dinge durch den Kopf. Werde ich den Angriff richtig ausführen? Werde ich richtig abwehren? Was passiert, wenn der andere eine reflexartige Bewegung macht? Vor dir steht vielleicht ein muskelbepackter Koloss. Und der ist auch nervös und denkt: „Hoffentlich verletze ich niemanden.“

Angst und Nervosität sind genau das, was im Kampf zu vermeiden ist. Du sollst üben, keine Angst zu haben und nicht nervös zu sein. Am besten bist du aufmerksam und denkst: gar nichts. Sei achtsam. Denn nur wer im Kampf total ruhig und entspannt ist, kann ihn gewinnen.

Aggressivität bringt nichts. Atme, warte, beobachte. Nimm alles wahr, aber bewerte es nicht. Leere deinen Geist. Das ist die essenzielle Haltung des Do: unaufgeregte Achtsamkeit. Keine Emotion, keine Aggressivität. Du ruhst in dir. Von hier aus kannst du alles schaffen: einen erfolgreichen Angriff, eine erfolgreiche Abwehr. Insofern glaubst du gerade an deine Selbstwirksamkeit. Du kannst es schaffen. Du bist selbstbewusst, aber nicht stolz. Du hast die Kontrolle.

Dieses Gefühl überträgt sich auch auf dein alltägliches Leben. Aggression? Eigentlich sinnlos. Du musst ruhiger werden. Angst? Sinnlos. Beobachte die Situation emotionslos. Dann wird auch dein Ego nicht so schnell verletzt.

Ich möchte noch einmal Kihon und Kata betrachten.

Du wirst im Training an deine körperlichen Grenzen gehen. Du wirst auf jeden Fall Beweglichkeit, Kraft und Schnellkraft steigern und deine Grenzen verschieben. Das erfordert Geduld und Selbstdisziplin. Und auch von deinem Meister und Trainer erfordert es Geduld und Selbstdisziplin, denn gerade Kindertrainer spüren manchmal den Impuls, die Kinder einfach anzuschreien, weil sie nicht das tun, was ihr Karate weiterbringt. Aber das wäre respektlos gegenüber den Schülern. So reift auch der Meister emotional.

So lernen alle im Karate-Do, ihre Grenzen zu überwinden und ihre Selbstwirksamkeit zu erhöhen und nicht aufzugeben. Du willst schließlich die nächste Graduierung erreichen. Nun könnte es sein, dass andere Karateka vielleicht schneller als du selbst vorankommen, und du denkst: „Warum dürfen die zur nächsten Prüfung und ich nicht?“ Dann erinnere dich bitte daran, dass du wertfrei und respektvoll anerkennst: „Ja, die haben es verdient.“ Verletzt die Entscheidung des Meisters, andere zur Prüfung zu schicken, mein Ego? Ja! Aber dieses Gefühl ist nicht gut, weil es den Lernfluss vom Meister zu mir stört. Weil du den Meister nicht respektierst.

Die Frage wäre doch eher: „Meister, was muss ich tun, um auf meinem Weg des Karate-Do weiter voranzukommen?“

Wenig überraschend würde der Meister antworten: „Härter trainieren! Mehr Geduld! Ruhiger werden!“

Und wenn du dann Aggression, Widerspenstigkeit oder Traurigkeit spürst, dann weißt du, dass der Weg des Karate-Do doch noch wirklich lang ist, denn du hast quasi die Kontrolle über deinen Weg verloren. Übernimm wieder die Kontrolle über dein Selbst und führe die nächste Übung wertfrei aus. Einfach so. Dann wirst du es schaffen.

Und mit diesem Bewusstsein,
  • dadurch, dass Du die nächste Übung trotz Erschöpfung schaffen kannst,
  • dadurch, dass Du jeden Partner, egal welcher (Gürtel-)Farbe, welchen Alters oder Geschlechts, akzeptierst und respektierst,
  • dadurch, dass Du im Kampf ohne Angst bestehen kannst,
  • dadurch, dass Du das alles in deinem Dojo in Gemeinschaft mit den anderen Karateka erlebst
  • und weil dir der Meister hilft,
wirst du vielleicht ein besserer Mensch.

Denn du bist noch höflicher und respektvoller geworden. Du bist noch souveräner geworden. Du bist noch mutiger geworden. Und kräftiger und beweglicher bist du sowieso geworden.

Christian Wetekam